23.januar 2005
der dekadente abschluss

De|ka|denz die;  -: Verfall, Entartung, sittlicher u. kultureller Niedergang (DUDEN Fremdwörterbuch)

Start. Oft überlegt sich der Mensch, weshalb der Sport eine derart faszinierende Wirkung auf ihn ausübt. Warum verfolgen so viele Menschen das Sportgeschehen, als habe es dieselbe Bedeutung wie Politik oder Kultur? Warum ist Sport so beliebt?

Sport ist einfach, spektakulär und spannend; so erklären wir uns die Faszination für den Sport.
International tätige Menschen sehen im Sport sogar einen eminent wichtigen Beitrag zum Weltfrieden und veranstalten, ohne dass die Beziehung zwischen Sport und Frieden je wirklich erforscht wurde, ein Jahr des Sports 2005. Lassen wir letzteren Satz kommentarlos stehen.

Was macht den Sport wirklich so wahnsinnig attraktiv? Vielleicht sollten wir ihn einmal ganz neu betrachten. Wählen wir als Mitglieder des Cevi doch ganz willkürlich einmal die Sportart Unihockey. Unihockey ist zwar eine Randsportart, aber um die Sportfaszination zu erklären, reicht es aus; zumindest für mich.

Sport ist vollstreckte Dekadenz.

Im Unihockey entwickelt sich innert kürzester Zeit eine extreme Spannung. Wenn ein Spiel ohne Unterbruch schnell hin und her schwankt und sich beide Teams immer wieder Chancen erarbeiten, dann steigt der Adrenalinspiegel der Zuschauer und der Spieler. Stell dir vor, die eine Mannschaft erobere den Ball kurz vor dem eigenen Tor. Die gegnerische Mannschaft ist noch immer in Vorwärtsbewegung als der Verteidiger, der den Ball erobert hat, einen Steilpass zur Konterauslösung wagt. Der Pass ist unglaublich hart und präzis. Dem Stürmer gelingt es den Pass anzunehmen und rennt damit von der Mittellinie los Richtung gegnerisches Tor. Einen Verteidiger dribbelt er gekonnt aus und schon gilt es nur noch den Torhüter auszutricksen. Er rennt auf das Tor zu, täuscht eine Richtungsänderung nach rechts an, und der Torhüter verliert kurz das Gleichgewicht. Der Stürmer zieht den Ball nun nach links, lässt den Torhüter zu Boden zu Boden gehen und hat plötzlich das freie Tor vor sich. Er muss den Ball nur noch einschieben. Er tut es nicht, er schiesst den Ball gezielt neben dem Tor vorbei.
Du fragst, warum? Die Antwort ist einfach: Der Stürmer steht ein für Fortschritt, Wohlstand, Fairness und Leben.
Du denkst, das Tor absichtlich zu verfehlen, sei dekadent; es entarte das Wesen des Sports, bedeute den Untergang der eigenen Mannschaft in diesem Spiel und es sei unsäglich?
Das ist typisch: Du bist eben nur Zuschauer und nicht Spieler.

1899 schrieb Oscar Wilde in einem Essay: „Was ist Dekadenz anderes als eine Seelenstimmung oder ein Gedankengang, den man nicht ausdrücken kann? Die Publikumsmenschen sind alle dekadent, denn das Publikum kann für nichts einen Ausdruck finden. Der Künstler ist nie dekadent. Er drückt alles aus.“

Der Unihockeyspieler verfehlt das Tor, weil er sich plötzlich der Dekadenz seines Torschusses bewusst wird. Würde er den Ball ins Tor schieben, so wäre das eine unfreie Handlung auf Druck der Gesellschaft. Da diese Handlung nicht frei ist, kann er nur Zuschauer seines eigenen Abschlusses sein. Zudem bedeutet das Tor Spielunterbruch und kann über Sieg und Niederlage entscheiden. Das Tor zielt also auf eine Beendigung, auf Untergang ab. Das Erzielen eines Tores wirkt sich dekadent aus.
Ganz anders ist die absichtliche Verfehlung des Tores. Der Stürmer erkennt, dass er die Wahl hat. Er hat die Spannungskurve mit dem Konterangriff bis hierhin mitgemacht, doch der Torschuss würde einen absoluten Abbruch der aufgebauten Spannung sein und somit ein abruptes Ende und den Untergang des Vorangegangen und des Gegenwärtigen bedeuten. Kein Tor zu erzielen, bedeutet das Gegenteil: Fortgang der Spannung und keine Auswirkung oder Ausrichtung auf ein Spielende. Zudem schädigt der Stürmer den Gegner nicht und muss keine Rache befürchten.

Die Zuschauer können sich die vorgefallene Handlung nicht erklären, Sie sehen im Verfehlen des Tores den drohenden Untergang der eigenen Mannschaft. Einige bezeichnen das Geschehen in einem Anfall von Sprachlosigkeit als dekadent. Doch das Publikum erkennt die Verdrehung der Situation nicht. Der Spieler hat mit seinem danebengezielten Schuss alles ausgedrückt, worauf das Spiel abzielt und hat erst noch dessen endige Bestimmung zu umgehen versucht. Nicht der Stürmer ist dekadent sondern die Zuschauer und das Spiel an sich.

Sport ist dekadent. Dekadenz fasziniert die Menschen, weil sie die Vorstellung eines Endes mit sich zieht. Deshalb ist der Sport so beliebt.
Wer kennt die neue Bewegungskampagne des Bundesamtes für Gesundheit? Auf vielen Plakaten steht auf einem weissen Hintergrund mit fetter schwarzer Schrift geschrieben: Ziel

 
 
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