19. august 2005
sitzung hinter sandsteinmauern

Moritz weiss nicht so recht, ob er die Tür öffnen soll. Irgendwie liegt ihm heute nicht viel daran. Nicht zum ersten Mal würde er lieber wieder davonlaufen. Für Moritz ist der Ort hier nicht mehr derselbe wie damals. Früher machte es ihn stolz, durch diese mächtige, schwere Holztür zu schreiten. Doch heute mag er es nicht mehr so gerne tun. Der Stolz ist nicht vollends verschwunden, aber in Moritz regt sich ein ekelnder Widerwillen. Dieser Widerwillen wird stärker, von Woche zu Woche. Die Türe zu öffnen und in das dahinterliegende Zimmer zu treten ist für Moritz keine so leichte Angelegenheit mehr. Würde er in diesen Momenten seinen Gefühlen folge leisten, so kehrte er der massiven Holtüre wohl den Rücken. Doch Moritz gehorcht seinen ablehnenden Gefühlen nicht. Pflichtbewusst drückt Moritz die grosse, glänzende Klinke nach unten und tritt in den nun offenen, karg eingerichteten Raum ein.

Es ist Mittwoch. Und wie jeden Mittwoch ist Moritz der erste, der im Bundesratszimmer eintrifft. Er legt die schwarze Ledermappe auf seinen Sitzungstisch und wartet auf die sechs Kollegen. Eigentlich sind es sieben, denn die Kanzlerin nimmt an der wöchentlichen Bundesratssitzung auch teil. Draussen wird es langsam heller. Es ist Juni, doch wie so oft zeigt sich der Frühsommer von seiner grauen Seite. Der Himmel ist mit Wolken bedeckt, und obwohl es seit Tagen nicht mehr geregnet hat, konnte sich die Sonne in diesem Monat noch nie hell strahlend durch die Wolken zu erkennen geben. Moritz setzt sich auf den Stuhl, öffnet die Ledermappe und legt sich seine Dokumente und Unterlagen zurecht. Noch immer kommt bei ihm keine Vorfreude auf die kommenden Diskussionen auf. Kein Stolz, der ihn etwas aufrechter sitzen lassen würde. Es ist, als ob sich die langweilige, grau braune ablehnende Gleichgültigkeit des Raumes auf Moritz Stimmung übertragen hätte. Der ganze Morgen ist eine mühsame Pflicht, der nächste Lichtblick in seiner Tagesplanung ist das Mittagessen.

Es sind zehn Minuten vergangen, als Joseph ins Zimmer tritt. Sofort erblickt er den gebückt sitzenden Moritz. Joseph geht auf ihn zu, Moritz steht auf und die beiden begrüssen sich mit ein paar freundlichen Worten. Kurz darauf treffen Pascal, Samuel und Hansrudolph ein. Moritz Miene verbessert sich ein wenig, als er mit seinen Kollegen in einen oberflächlichen Schwatz verwickelt wird. Es ist eins vor Punkt als auch die Kollegin Kanzlerin eintrifft. Sie begrüsst die anwesenden Regierungsvertreter geht direkt an ihren Schreibtisch, setzt sich und eröffnet zielbewusst die heutige Bundesratssitzung. Die etwas müden Bundesräte setzen sich nun auch langsam auf ihre Stühle. Samuel brummelt noch etwas von harmoniezerstörendem Gehetze und dass er als Oberst in der Armee jeweils noch alleine bestimmen durfte, wann seine Sitzungen begannen; doch dann übernimmt er in der Funktion des Präsidenten die Leitung. Als besorgter väterlicher Bundesrat schafft er es heute ganz kühn, gleich zu Beginn in einer guten Atmosphäre die Sitzung mit den ersten komplizierten Traktanden zu beginnen. Samuel setzt für heute das Ziel, die Organisation der kantonalen Polizeieinheinten neu zu planen. Als erstes will er deshalb dem Vorsteher des EJPD, Christoph, das Wort geben. Doch Christoph ist nicht da.
Ein erstes verzweifeltes Lächeln huscht über Moritz Lippen. Wann begreift der Sämi endlich, dass man nie mit Themen von Micheline oder Christoph beginnen sollte? Sowohl die  soziale, langfristig denkende Chaotin sowie der Zürcherlöwe mit brummendem und aufbrausendem Bärencharakter erscheinen regelmässig zu spät an der Sitzung. Unglaublich, dass der Sämi das auch im sechsten Sitzungsnickerchenmonat seiner Präsidentschaft noch nicht begriffen hat.

In diesem Moment wird die Tür kräftig aufgeschlagen und Christoph trampelt ins Zimmmer. Alle ausser Moritz und Samuel erschrecken leicht wegen des unflätigen Auftritts des amtsjüngsten zürcher im Kollegium. Er selber bemerkt dies nicht und spricht mit lauter Stimme: „Tschuldigung meine Herren, ich bin da, wir können jetzt beginnnen.“ Samuel reagiert überraschend schnell auf diese Äusserung und erwidert: „Christoph, jetzt los ä Mau. Wir haben bereits begonnen. Wir können nicht jedes Mau warten, bis du ins Zimmer stürmsch.“ „Ja, ja, scho guet“, brummt Christoph und setzt sich auf seinen Platz.  Samuel nützt diese Situation, in der Christoph mit sich selbst beschäftigt ist, um die Sitzung mit dem nächsten Thema fortzusetzen. „Loset Kameraden, wir müssen noch das Armeebudget bestimmen. Christophe, also nicht du Christoph sondern der Keckeis Christophe, hat mir gesagt, er wolle nicht auf die Panzer verzichten. Ich wäre deshalb froh, wenn vor allem auch du Moritz deine Meinung überdenken würdest. Solange unsere liebe Micheline noch fehlt, haben wir die Chance, es richtig anzupacken.“ Doch das kommt bei Moritz gar nicht gut an. Mit genervter Stimme argumentiert er: „Ich überdenke immer alles, mein lieber Samuel, deshalb komme ich auch zum Schluss, dass unser grüner Tarnverein einem Zweck dient, der leider zuerst wiedergefunden werden muss. Die Armee dient nur dem konservativen Irrtum.“ „Non de Dieu“, ereifert sich da Pascal, „tu es toujours encore un idéaliste, mon cher Moritz. Mais les idéalistes, mon ami, ils sont parti du passé. Je ne veux pas de chars non plus, mais je doit constater, que les socialistes comme toi n'ont jamais eu l'intélligente des liberaux. Voilà.“ „Für einen belesenen Mann bist du mir einfach zu undifferenziert. Aber so viel ich weiss, gibts im bergigen Walllis halt nur Schatten oder Sonne, aber nicht beides“, antwortet Moritz.  Da steht Pascal auf und will sich ereifern, doch Joseph kommt ihm gerade noch zuvor: „Jetzt ist aber Schluss mit Kindergarten. Lasst den Röstigraben bitte in meinem Fribourg. Hier hat er nichts zu suchen. Es reicht schon, dass wir mit Christoph auskommen müssen.“

Die Tür öffnet sich. Herein tritt in leuchtend roten Kleidern und mit einer leuchtend roten Tasche unter dem linken Arm die breit lächelnde Micheline. „Oh la la, ihr habt schon angefangen? Ich bin desolée, aber ich habe die Zeit vergessen. Ich hoffe, Christoph hat sein Polizeireferat schon gehalten, dann hätte sich das zu spät kommen gelohnt.“
Auch Micheline setzt sich, und nun endlich kann Samuel vor dem vollständigen Bundesrat mit seinen Traktanden beginnen. Moritz blickt desinteressiert auf das mit Papier übersähte Pult.

Während Samuel langsam und mit unübertreffbarer Gemütlichkeit ein nächstes Thema vorstellt, ergreift Moritz eines seiner viele Papiere. Er nimmt es in beide Hände und zerknüllt es zu einem Papierknäuel. Sein Blick wandert zu Christoph hinüber. Dieser versucht sich auf Samuels Ausführungen zu konzentrieren. Ahnungslos.


anmerkung:
ein leser aus berlin hat uns berechtigterweise darauf hingewiesen, dass uns beim text ein kleiner fehler unterlaufen ist, der den artikel für politkenner nicht ganz authentisch erscheinen lässt. um diesem hinweis rechnung zu tragen, möchten wir ihn in leicht gekürzter form hier wiedergeben:
"die kollegen und kollegin bundesräte sprechen sich während den mitwochssitzungen hinter den sandsteinwänden immer noch per sie an – die sämis, christophs, josephs werden erst in der kaffeepause wieder ausgepackt. ein kaffee wird da übrigens zu einem preis von einem franken den magistraten abgebucht, die gipfeli jedoch werden vom steuerzahler gespendet. soweit sind wir schon...
vergleiche dazu: das magazin nr 28/05, die regierung – szenen einer zwangsgemeinschaft."
die redaktion möchte dem aufmerksamen temporärberliner an dieser stelle für die wichtige und interessante information danken.

 
 
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