Jede Treppe, die du besteigen willst, führt irgendwo hin. Du steigst eine Treppe hoch, weil du weißt oder dir vorstellst, was dich oben erwartet. Doch was wäre, wenn du oben plötzlich nicht das antriffst, was du unten an der Treppe erwartet hast? Du stehst auf der letzten Stufe und plötzlich ist alles anders. Wie würdest du reagieren? Würdest du die Treppe wieder hinunter rennen, dem Unbekannten den Rücken kehren? Oder würdest du neugierig werden, das Unbekannte betreten wollen?
Stell dir vor, du stehst vor der Treppe zum Portal des Hauptbahnhofs Bern. Du stehst unten am Treffpunkt. Nun willst du die Stufen hochsteigen, denn du weißt, dass dort oben der 20er, der Wyler-Bus, auf dich wartet. Links und rechts sind die Förderbänder, doch du entscheidest dich, die Treppe zu nehmen. Du bist ja nicht faul! Also beginnst du mit dem Treppensteigen. Ohne Sorgen gehst du die Stufen hoch. Warum solltest du dir auch Sorgen machen? Die Treppe vom RBS Bahnhof zum Treffpunkt war ja auch so wie immer. Nun erreichst du die mittlere Stufe. Du blickst nach oben. Du siehst die Decke des Bahnhofeingangs. Bald, Denkst du, wirst du auch die Bushaltestellen erblicken. Du beginnst MIT DEN letzten zehn Stufen. Seltsam, wo sind die Häuser auf der anderen Seite des Bahnhofplatzes? Wo sind die Bushaltestellen? Du glaubst noch nicht daran, dass du heute alles anders sehen wirst. Warum auch? Deine Augen haben sich schon oft getäuscht, also werden auch diese blöden Bushaltestellen wieder vor deinen Augen erscheinen. Aber nein, deine Augen entdecken noch immer keine Bushaltestellen. Wo sind die denn nur? Du wirst leicht unsicher. Du stehst auf der drittobersten Stufe, doch oben siehst du keinen Boden. Was soll denn das? Was geschieht denn da? Du kommst auf die letzte Stufe und…
Da ist kein weiter, kein Boden, nichts. Du bleibst schwankend auf der letzten Stufe stehen. Das Gleichgewicht verlierst du fast. Noch einen Schritt vorwärts und du fällst hinunter. Vor dir ist die Unendlichkeit. Oben wie unten die Unendlichkeit. Du reibst dir die Augen, doch es nützt nichts. Du stehst oben auf der Treppe und vor dir ist nichts. Du versuchst ruhig zu bleiben. Jetzt nur nicht die Fassung verlieren! Den Kopf wendest du nach links. Neben dir gehen die Leute auf der Treppe hoch und runter. Sie tauchen aus der Leere auf und gehen die Treppe runter. Andere steigen die Treppe hoch und verschwinden neben dir in der Unendlichkeit. Das was du vor dir siehst, das sehen die anderen nicht. Sie tun, als sei alles normal, als würden oben an der Treppe wie immer die Bushaltestellen sein. Du kannst es nicht fassen. Die anderen Leute sehen nicht, was du siehst. Oder umgekehrt: Du siehst nicht, was sie sehen.
Was willst du jetzt tun? Dich umdrehen und einfach wieder hinuntergehen? Oder wagst du den Schritt? Den Schritt in die Unendlichkeit? Niemand anders weiss, dass du die Unendlichkeit vor dir hast. Alle anderen Leute um dich herum sehen nur das, was sie sonst oben an dieser Treppe auch immer sehen: Die Bushaltestellen. Wenn du nun also noch einen Schritt weiter gehst, was geschieht dann? Vielleicht ist nach diesem Schritt wieder alles wie vorher, und das hier war nur eine Einbildung. Aber vielleicht beschreitest du ja tatsächlich die Unendlichkeit. Verrückt, nicht wahr? Wenn vor dir wirklich die Unendlichkeit liegt, dann hast du ja die freie Wahl! Dann hast du die freie Wahl zwischen unserer Welt und der Unendlichkeit. Aber eben, du weißt nicht, ob es wirklich das Unendliche ist, das vor dir liegt. Was tust du? Wagst du den einen Schritt nach vorne? Versuchst du in die Unendlichkeit zu treten? Ja, du tust es! Innerlich hoffst du, es sei nur eine Einbildung, und dein Fuss werde wie gewohnt den Boden oberhalb der Treppe berühren. Du spürst in dir grosse Angst, aber deine Entscheidung ist gefallen. Ein Zurück gibt es für dich nicht. Mit geschlossenen, den rechte Fuss bereits in der Luft, bewegst du dich langsam vorwärts. Die Augen bleiben geschlossen. Ganz langsam. Du willst den Fuss oben aufsetzen, doch da kommt einfach nichts. Es ist also wahr! Du gehst ins Unendliche. Du verlässt deine normale Welt. Du betrittst die unbekannte, die absolute Unendlichkeit. Du bleibst ruhig. Die Unendlichkeit ist nun das, was dich umgibt. Alles, was du bisher gekannt hast, bleibt hinter dir. Nun bist du anderswo, oder eben nirgendwo. Alle bekannten Dimensionen verlieren ihren Wert. Du merkst, wie das Oben, das Unten, das Links und das Rechts zu nichts oder zu einem werden. Alles ist alles. Hinten ist vorne, vorne ist hinten. Und dein Fuss bewegt sich noch immer im gleichen Tempo.
Doch was ist das? Dein Fuss trifft auf Widerstand. Du öffnest die Augen und blickst hinunter. Dein Fuss ist auf den Boden getreten. Dein Blick geht nach vorne; da liegen die Bushaltestellen. Du blinzelst, es ist Tatsache: Vor dir liegt das, was du dir unten an der Treppe vorgestellt hast. Du läufst vorwärts. Der Wyler-Bus steht bereits da.
Du betrittst den Bus. Er fährt los. Da war also keine Unendlichkeit oben an der Treppe. Alles nur ein grosser Irrtum. Wie konntest du dich nur so täuschen?
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